Das Heute ist die Stunde der Magisch-Fantastischen Kunst und Dichtung

Professor Niels Bohr, der berühmte dänische Atomphysiker, hat in das Rüstzeug seiner Wissenschaft den Begriff der «Komplementären Betrachtungsweise» eingeführt. Er versteht darunter, dass alle Naturvorgänge in einer sich ergänzenden Gegensatzform auftreten, nicht weil das menschliche Denken es so sieht, doch weil es sich realiter so verhält.

Die Aufstellung dieses Begriffs und die Entdeckung der Tatsache, die zu ihm führte, ist keine Neuigkeit. Als komplementär wurde die Welt mit allen ihren Inhalten schon vom alten China empfunden, wo für dieses Empfinden das tiefsinnige Sigillum des Yang-Yin-Symbols geprägt wurde. Im Abendlande war es Nikolaus Cusanus, der schon auf das Vorhandensein der in aller Schöpfung anzutreffenden Opposita hinwies und die Schöpfung in ihren Endergebnis als eine Coinzidenz dieser Opposita begriff.

Wenn es sich nun so verhält, dass alle Erscheinungen des Daseins in einer oppositionellen, doch sich ergänzenden Doppelform auftreten — und dass es sich so verhält, zeigen auch ohne metaphysische Deutung die Vorgänge jeden Tages — so muss gefragt werden, wie es damit in der Gegenwart steht. Die Frage wurde dem Münchener Atomphysiker Prof. Dr. Walther Gerlach bei einem Vortrage gestellt, den er in Amsterdam über das Thema «Die Neue Physik und ihre Rolle im Geistesleben unserer Zeit» hielt. Der Fragesteller wollte insbesondere wissen, wie sich der Redner zu der Tendenz der heutigen Abstrahierung in der Kunst stelle, die man doch wohl als ein Seitenstück zu dem abstrakten Denken innerhalb der heutigen Physik, Chemie, Astronomie, Technik usw, anzusehen habe.

Der Gefragte bestätigte diese Auffassung und sagte, die Abstrahierungsexperimente in der heutigen Malerei und Dichtkunst seien in der Tat in Parallele zu den, in abstrakten Formeln gehaltenen wissenschaftlichen Bestrebungen zu setzen. Die heutige Kunst tendiere in der Tat zu den gleichen Endzielen wie die heutige Naturwissenschaft, nämlich zu abstrakten Ausdrucks- und Formulierungsweisen, Insofern sie dies tue, befinde sich die heutige abstrakte Kunst auf dem gleichen und zwar richtigen, in die Zukunft weisenden Wege wie die Naturwissenschaften.

So weit, so gut. Indessen begeben sich Kunst und Dichtung mit dem Bestreben, es der rationalen Darstellungsweise der heutigen Atomphysik gleich zu tun, sprachlich und formal nicht gerade auf den verkehrten Weg ? Irgend wo in den geistigen Räumen müssen sich doch, damit die uralte Ueberzeugung von der Duplizität der Welt zu Recht bestehe, gegen die abstrakten Terminologien Gegenstimmen und Gegenkräfte erheben. Und welches Feld der geistigen Betätigungen wäre dafür besser geeignet, dafür dringlicher berufen als die Kunst und die Dichtung ? Ein solches komplementäre Verhalten bleibt freilich die moderne gegenstandslose Kunst und Dichtung auf der ganzen Linie schuldig.

Nicht, als ob hiermit der Forderung nach einer realistisch-gegenständlichen Kunst und Dichtung das Wort geredet werden sollte. Realistisch-gegenständliche Kunst und Dichtung steht ja doch durchaus noch auf der gleichen Seite, wo auch die modernen Naturwissenschaften stehen ; hier wie da ist der Gegenstand der Beobachtung und der darstellenden Wiedergabe das empirisch Wirkliche, sei es schon, dass von den rationalistisch gesteuerten Wissenschaften nebst der im gleichen Fahrwasser dahintreibenden abstrakten Kunst die Beobachtungen und Erfahrungsergebnisse über das empirisch Wirkliche mit Zahlen, Gleichungen, Abbreviaturen und Zeichen ausgedrückt werden, wogegen die gegenständlich-realistische Kunst die Wirklichkeit in ungekürzter, unzerrechneter Gestalt, sinnfällig erkennbar schildert, besingt oder beschreibt.

Als echt komplementär zur Wirklichkeitsforschung und Wirklichkeitswiedergabe unserer Tage hat stattdessen eine Kunst zu gelten, die in der Wirklichkeit nur den Ansatzpunkt sieht, um über sie hinaus und zur Schaffung rein visionär zu verstehender Gebilde zu kommen. Es sind die ins Ueberwirkliche zielenden Schöpfungen der Künstler und Dichter magischer und fantastischer Richtung. Deren Absicht ist nicht die der gegenstandslosen Maler und Dichter, nämlich nicht, die gehabten Erlebnisse und Einsichten mittels irgendwelcher Formverkürzungen und Inhaltskondensationen zu entsinnlichen, wohl aber das sinnlich gehabte Erleben, das sinnlich empfangene Wissen zu Schöpfungen von übersinnlicher Echtheit zu gestalten. Mögen sich Einsteins Raum- und Zeitformeln und Mondriaans Bildabstraktionen dem Geiste nach einander ähneln, so ähneln sie sich doch im Grunde viel zu sehr, als dass sie zueinander in diametraler Opposition stehen könnten.

In diametraler Opposition zur wissenschaftlich-technischen Zeitströmung stehen dagegen die Kunst und die Dichtung der magisch und fantastisch gerichteten Schaffenden. Sie zeigen wirklich und tatsächlich die andere, nicht abstrahierbare Seite der Wirklichkeit, und darum sind es deren Werke, die in der Gegenwart den Beweis von der Doppelform der Dinge erbringen. Wird daraus ersichtlich, wie notwendig, wie aktuel diese Werke sind ? Ohne sie und ihr Vorhandensein würde in den geistigen Räumen allein die einzige Auslegungsweise herrschen, nämlich die abstrakt wissenschaftliche und die abstrakt künstlerische, damit aber der Weltanschauung das ergänzende Komplement fehlen, eine Situation, die bei der Duplizität der Welt so widersächlich wie unsinnig wäre. Mit dem Anbruch des in physikalischen Formeln denkenden und in künstlerischen Abstraktionen schaffenden Zeitalters ist darum höchst folgerichtig das Zeitalter der magischen und fantastischen Künste und Dichtungen angebrochen.

Friedrich M. HUEBNER

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